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Diabetesversorgung auf dem Land

Patienten haben Defizite

14.06.2017
Foto: © Robert Kneschke, Fotolia.com
Foto: © Robert Kneschke, Fotolia.com

Zwischen den Ballungsgebieten und den ländlichen Räumen gibt es in Deutschland große Unterschiede bei den Versorgungskapazitäten im Gesundheitswesen. Wo Schulung und Beratungsangebote fehlen, entstehen bei Diabetespatienten große Defizite schon bei elementaren Fähigkeiten wie Blutzuckermessung und Insulinspritzen.

Die medizinische Versorgung in Deutschland ist insgesamt sehr gut. Zu diesem Ergebnis kam im Jahr 2014 der Sachverständigenrat der Bundesregierung zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen. Allerdings stellte das Gremium auch fest, dass es zwischen Ballungsgebieten und den ländlichen Räumen große Unterschiede in Bezug auf die Versorgungskapazitäten gibt. Für die Therapie von Menschen mit Diabetes hat das Konsequenzen. Dr. rer. medic. Nicola Haller, Vorsitzende des Verbands der Diabetes-Beratungs- und Schulungsberufe e.V. (VDBD), erklärt: „Menschen mit Diabetes müssen den Umgang mit ihrer Erkrankung lernen. Sie brauchen eine spezialisierte Behandlung, die neben der ärztlichen Betreuung aus einer intensiven Schulung durch Diabetesberater/innen besteht, die die Betroffenen in ihrem Selbstmanagement unterstützt.“ Dadurch könnten schwerwiegende Folgeschäden der Erkrankung vermieden werden.
 
Um herauszufinden, wie es um die Versorgungsqualität im ländlichen Raum steht und ob der Einsatz von Diabetesberater/innen die Versorgungsqualität steigern kann, hat das RED Institut für medizinische Forschung und Fortbildung in Oldenburg im Auftrag des Verbands der Diabetes-Beratungs- und Schulungsberufe in Deutschland e.V. (VDBD) eine Pilotstudie durchgeführt. Dabei wurden Daten von insgesamt 120 Personen mit Diabetes erhoben, die im Bayerischen Wald an der tschechischen Grenze wohnen und nicht von einer diabetologischen Schwerpunktpraxis versorgt werden. Medizinische Parameter (beispielsweise Laborparameter, Angaben zur aktuellen Medikation etc.) wurden den Akten des jeweiligen behandelnden Hausarztes entnommen. Zusätzlich wurden Parameter zur Lebensqualität, Behandlungszufriedenheit und zur Prozessqualität erhoben. Lars Hecht, Studienleiter und Gesundheits- und Diabeteswissenschaftler am RED Institut in Oldenburg, erklärt: „Insgesamt zeigten sich deutliche Defizite in der diabetologischen Versorgungsqualität – vor allem im Bereich des Selbstmanagements.“ Nur ein Drittel der Untersuchten erreichten die für diese Patientengruppe adäquaten Therapieziele. Entsprechend sind zwei Drittel dieser Patienten mit Diabetes nicht „ausreichend und sicher“ behandelt. Nur 20 Prozent der untersuchten Patienten konnten eigenständig ihr Insulin korrekt injizieren und nur 15 Prozent konnten eigenständig ihren Blutzucker korrekt bestimmen. „Diese Zahlen zeigen, dass den meisten Patienten elementare Fähigkeiten zur eigenverantwortlichen Durchführung der Therapie fehlen“, sagt Hecht, der auch Mitglied im Vorstand des VDBD ist.
 
Neben der Bestandsaufnahme wurde untersucht, ob eine Betreuung der Patienten durch einen/eine Diabetesberater/in DDG eine Verbesserung der defizitären Selbstmanagementfähigkeiten zur Folge hat. „Bereits eine kurze Intervention durch einen/eine Diabetesberater/in DDG verbessert die Selbstmanagementfähigkeiten der untersuchten Probanden deutlich“, fasst Hecht zusammen.
 
VDBD-Vorsitzende Haller bilanziert: „Diabetesberater/innen DDG können die diabetologische Versorgungsqualität in strukturschwachen Gebieten verbessern und Teil der Antwort auf der Suche nach Lösungen für eine nachhaltige Versorgung im ländlichen Raum sein.“
 
Von Politik und Kostenträgern fordert der VDBD mehr Initiative, um das Berufsbild der Diabetesberater/in sowohl gesellschaftlich als auch finanziell aufzuwerten. „Dazu gehören eine bundesweite Anerkennung der Weiterbildung zum/zur Diabetesberater/in als eigenständiger Beruf sowie eigene Abrechnungsmöglichkeiten“, erläutert VDBD-Geschäftsführerin Dr. Gottlobe Fabisch.
Flankierend könnten digitale Angebote die Diabetesbehandlung im ländlichen Raum verbessern. „Dafür muss jedoch zunächst die Infrastruktur geschaffen und die digitalen Kompetenzen der Patienten und Behandler gestärkt werden“, so Fabisch.
 

Foto: © Robert Kneschke, Fotolia.com