Das „Criticome“: Ein neuer Blick auf die Entwicklung des Gehirns

Das Konzept des Criticomes: Fünf Kategorien von Erfahrungsinformationen (sensorisch, motorisch, sozial, kulturell, umweltbezogen) werden während kritischer Phasen der synaptischen Plastizität, die sich von der pränatalen Entwicklung bis etwa zum 25. Lebensjahr erstrecken, in die sich entwickelnde neuronale Architektur integriert. (Quelle: © Julio Licinio)

Wie prägen Erfahrungen das Gehirn? Und welche Folgen hat es, wenn Kinder einen immer größeren Teil ihrer Entwicklung vor Bildschirmen verbringen? Ein internationales Forscherteam aus der Schweiz und den USA schlägt nun einen neuen konzeptionellen Rahmen vor: das Criticome.

Der Begriff beschreibt die Gesamtheit aller sensorischen, motorischen, sozialen, kulturellen und Umwelt-Erfahrungen, die das Gehirn während kritischer Entwicklungsphasen integriert. Diese Phasen beginnen bereits vor der Geburt und reichen nach heutiger Erkenntnis bis etwa zum 25. Lebensjahr. In dieser Zeit ist das Gehirn besonders plastisch. Erfahrungen werden nicht nur gespeichert, sondern prägen die Struktur neuronaler Netzwerke dauerhaft.

Nach Ansicht der Autoren sind viele psychiatrische und neurologische Erkrankungen besser als Entwicklungsstörungen zu verstehen. Dazu zählen unter anderem Autismus-Spektrum-Störungen, Schizophrenie, posttraumatische Belastungsstörungen und schwere Depressionen. Die zentrale Frage lautet dabei nicht mehr ausschließlich, was im erwachsenen Gehirn „defekt“ ist. Vielmehr rückt in den Fokus, welche Erfahrungen während kritischer Entwicklungsfenster fehlten, unzureichend verarbeitet wurden oder zu einer fehlerhaften Integration führten.

Erfahrungen in der Kindheit stabilisieren synaptische Verbindungen

Die Autoren Michel Cuenod und Kim Q. Do vom Zentrum für Psychiatrische Neurowissenschaften der Universität Lausanne /Schweiz) sowie Julio Licinio von der SUNY Upstate Medical University in Syracuse (USA) stützen ihr Modell auf sechs zentrale neurobiologische Mechanismen. Dazu gehören die Reifung GABAerger Netzwerke mit Parvalbumin-positiven Interneuronen, perineuronale Netze, die fortschreitende Myelinisierung kortikaler Bahnen, epigenetische Anpassungsprozesse, neuromodulatorische Systeme sowie das synaptische Pruning. Gerade letzteres spielt eine entscheidende Rolle: Während Kindheit und Adoleszenz wird ein erheblicher Teil der zunächst angelegten Synapsen wieder abgebaut. Erhalten bleiben vor allem jene Verbindungen, die durch Erfahrungen stabilisiert wurden.

Besonders relevant ist dieser Ansatz für die Kinder- und Jugendmedizin. Frühkindliche Vernachlässigung, Traumata oder soziale Isolation können langfristige Auswirkungen auf Stressregulation, Emotionsverarbeitung und kognitive Entwicklung haben. Umgekehrt zeigen zahlreiche Beispiele, wie förderliche Umweltbedingungen außergewöhnliche Fähigkeiten begünstigen können – sei es im Bereich Sprache, Musik, Sport oder sozialer Kompetenzen.

Welche Auswirkungen hat Bildschirmnutzung auf das Gehirn?

Ein zentrales und bislang unbeantwortetes Thema betrifft den Einfluss digitaler Medien. Noch nie zuvor waren Kinder und Jugendliche während sensibler Entwicklungsphasen einer derart intensiven und dauerhaften Bildschirmnutzung ausgesetzt. Welche Auswirkungen dies auf das Criticome hat, ist derzeit unklar. Die Autoren warnen jedoch ausdrücklich vor vorschnellen Schlussfolgerungen. Statt moralischer Debatten brauche es präzise wissenschaftliche Untersuchungen.

Das Criticome ist derzeit kein messbarer Biomarker, sondern ein theoretisches Modell. Sein Wert liegt vor allem darin, jahrzehntelange Forschung zu kritischen Entwicklungsfenstern in einem gemeinsamen Konzept zusammenzuführen. Für Neurologen, Kinderärzte und Psychiater könnte es damit einen neuen Rahmen bieten, um Entwicklungsverläufe, Risikofaktoren und Präventionsstrategien besser zu verstehen.