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DKOU 2013

Zu wenig Rückenpatienten erhalten sanfte Medizin

25.10.2013
Matthias Psczolla forderte, Fehlallokationen bei Rückenschmerzpatienten zu vermeiden. (Bild: Biermann Medizin)

In Deutschland hat sich die Zahl der Wirbelsäulen-OPs in den letzten Jahren mehr als verdoppelt. Experten auf dem DKOU betrachten diese Entwicklung mit Sorge und fordern eine Stärkung der konservativen Therapie in ihrem Fach.

Allein zwischen 2005 und 2011 hat sich die Anzahl der Eingriffe an der Wirbelsäule von 97.000 auf 229.000 erhöht. Als Ursache dafür sehen Orthopäden finanzielle Anreize des Gesundheitssystems. Die Deutsche Gesellschaft für Orthopädie und Orthopädische Chirurgie (DGOOC) beunruhigt diese Entwicklung: "Zu viele Patienten werden operiert, noch bevor konservative Behandlungen etwa mittels Physio- oder Schmerztherapie ausgeschöpft werden", berichtete Dr. Matthias Psczolla, Facharzt für Orthopädie und für Physikalische und Rehabilitative Medizin, Manuelle Medizin/Chirotherapie und Spezielle Schmerztherapie auf dem DKOU.

Mit der Zahl wirbelsäulenchirurgischer Abteilungen in Krankenhäusern steigen auch die operativen Eingriffe am Rücken. "Rund 700.000 Patieneten mit Rückenproblemen landen jedes Jahr in Krankenhäusern, lediglich 20 Prozent von ihnen aber in einer Orthopädischen Fachklinik", führte Psczolla weiter aus. Gleichzeitig nehme die personelle und finanzielle Kapazität von Stationen der konservativ-orthopädischen Akutversorgung ab. „Die schlechte Honorierung niedergelassener, nicht operativ tätiger Orthopäden und Unfallchirurgen führt dazu, dass die konservative Versorgung von Wirbelsäulenpatienten immer mehr abnimmt. So entstand in den letzten Jahren eine Mangelversorgung in der Manuellen Medizin", kritisierte Psczolla. Dabei forderten die Patienten zunehmend, dass ihnen Ärzte vor einer Operation die risikoärmeren konservativen Verfahren anbieten.

Um diesem Wunsch gerecht zu werden und Methoden wie die Manuelle Medizin, Osteopathie, medikamentöse Schmerztherapie und Physiotherapie stärker in die Behandlung orthopädischer Erkrankungen zurückzuholen, hat sich vor zehn Jahren die Arbeitsgemeinschaft nicht operativer orthopädischer Akut-Kliniken (ANOA) gegründet. Die Kliniken dieses Verbundes haben sich auf konservative Heilmethoden bei orthopädischen Erkrankungen spezialisiert. Sie setzten sich bereits erfolgreich dafür ein, dass das Fallpauschalensystem auch diese sanften Methoden angemessen honoriert. Denn Kalkulationen ergaben, dass ohne die Kooperation von Kliniken diese Behandlungsform nicht mehr finanzierbar gewesen wäre.

„Jede Behandlung sollte auf einer umfangreichen und interdisziplinären Diagnose basieren“, forderte Psczolla, Chefarzt und Geschäftsführer der Loreley-Kliniken, Oberwesel, die bereits Mitglied des ANOA-Verbundes sind. „Auf keinen Fall sollte – wie es leider noch zu häufig geschieht – aufgrund eines Befundes operiert werden, der sich allein auf bildgebende Verfahren stützt.“ In der Manuellen Medizin erheben Orthopäden ihren Befund auch anhand manueller, neurologischer und Laboruntersuchungen. Patienten mit chronischen Rückenschmerzen sollte ein Team aus Orthopäden und Unfallchirurgen, Neurologen, Psychologen und Physiotherapeuten zur Verfügung stehen. "Wir sollten bemüht sein, die Rückenpatienten wieder für die Orthopäden zurückzugewinnen und neue Klinikstrukturen in Ergänzung zu den niedergelassenen Orthopäden und Rehabilitationseinrichtungen zu schaffen", sagte Psczolla. Obwohl mittlerweile bereits 21 Kliniken zum ANOA-Verbund zählten, sei der Bedarf durch die Zunahme muskuloskeletaler Erkrankungen jedoch weiterhin nicht gedeckt.

Prof. Bernd Kladny, Präsident der DGOOC und Kongresspräsident des DKOU stellte abschließend fest: "Uns geht es bei der Betrachtung von operativer oder konservativer Therapie nicht um ein 'entweder-oder', sondern um ein 'sowohl-als auch'. Es gib keinen Grund vor Operationen zurückzuschrecken, wenn sie ihre Berechtigung haben. Konservative Therapien sollten aber im Vergleich zu den Operationen nicht mehr so geringgeschätzt werden." Hier sei in Zukunft ein besseres Miteinander von Ärzten, Patienten und der Politik gefordert, so Kladny.

(hr/DKOU)
 

 

Matthias Psczolla forderte, Fehlallokationen bei Rückenschmerzpatienten zu vermeiden. (Bild: Biermann Medizin)