Anzeige
Anzeige
Dokumentationsfehler bei Beschneidungen

Hakenberg: "Abrechnungsbetrug ist eine Falschmeldung"

20.01.2015
Hakenberg
DGU-Präsident Oliver Hakenberg sieht die Ärzte wieder einmal zu Unrecht an den Pranger gestellt. Foto: Hakenberg

Die vom NDR aufgedeckten Ungereimtheiten bei Zirkumzisionen durch Urologen sind nach Auffassung der Deutschen Gesellschaft für Urologie (DGU) kein Abrechnungsbetrug, sondern eine Art ziviler Ungehorsam gegen sinnlose Dokumentationspflichten.

Nach Angaben der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Rheinland-Pfalz, die Recherchen des Radiosenders NDR Info bestätigte, sollen Dutzende Ärzte in Deutschland bei den Krankenkassen Beschneidungen falsch abgerechnet haben (wir berichteten). „Bei dieser polemisch aufgemachten Meldung handelt es sich um eine Falschmeldung“, dementiert DGU-Generalsekretär Prof. Oliver Hakenberg.

Es geht um die oft ambulant durchgeführte Entfernung der Vorhaut (Beschneidung, Zirkumzision). Die Kassenärztlichen Vereinigungen fordern eine Dokumentation für jeden Patienten, aus der hervorgeht, dass dieser Eingriff tatsächlich erbracht wurde, um die Abrechnung dieser ärztlichen Leistung kontrollieren zu können. Die DGU weist darauf hin, dass die KV "für diese bürokratische Anforderung" entweder eine Fotodokumentation oder einen pathologischen Befundbericht der entfernten Vorhaut verlangt.

„Zahlreiche Urologen haben gegen diese unsinnigen Anforderungen Widerspruch eingelegt", entgegnet Hakenberg. "Für Patienten und Ärzte ist es sowohl abwegig wie peinlich, Genitalfotos anfertigen zu müssen, nur um die Kontrolleure der Abrechnungsstelle zufriedenzustellen.“ Die pathologische Untersuchung einer entfernten Vorhaut sei nur in Ausnahmefällen sinnvoll. „Wenn sie nur zu eng war, ist eine Gewebeuntersuchung nutzlos und widerspricht damit dem Wirtschaftlichkeitsgebot des Sozialgesetzbuches, wonach nur medizinisch sinnvolle und notwendige Leistungen erbracht werden sollen. Eine Gewebeuntersuchung zu Dokumentationszwecken ist kostentreibender Unfug.“

Aufgrund von Prüfungen sind jetzt bei einigen Urologen Fälle zutage getreten, in denen diese eine Beschneidung durchgeführt hatten, ohne diesen Dokumentationsanforderungen zu entsprechen. Grund dafür sei schlicht, so die DGU, dass die Urologen diese Anforderungen für sinnlos hielten. Aus dieser Unterlassung werde ein Abrechnungsbetrug konstruiert. Die DGU wehrt sich dementsprechend auch gegen das Urteil von Gesundheitsökonom Gerd Glaeske von der Universität Bremen, die betroffenen Mediziner hätten "ganz klaren Abrechnungsbetrug begangen". Für Hakenberg ist dies "lediglich ein Beispiel für Verwaltungsbürokratismus, der sich selbst ad absurdum führt. Aber diese Meldung verdeutlicht auch, wie schnell und voreingenommen gegen Ärzte Vorwürfe erhoben werden, wenn man damit Schlagzeilen machen kann.“ Die DGU hat nach eigenen Angaben bereits Ende vergangenen Jahres einzelne KVen und die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) angeschrieben und die Änderung der in ihren Augen unsinnigen Vorschriften gefordert. 

(DGU/ms)
 

DGU-Präsident Oliver Hakenberg sieht die Ärzte wieder einmal zu Unrecht an den Pranger gestellt. Foto: Hakenberg