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Zwischen Wissenschaft und Kirche

Transsexualität im Dialog

02.02.2016
Symbolbild Transfrau
Transsexuelle Menschen haben ein starkes Bedürfnis, ihr körperliches Geschlecht an ihr "Hirngeschlecht" anzugleichen. Grafik: © GiZGRAPHICS - Fotolia.com

Eine bislang wohl einzigartige Konferenz findet vom 4. bis 6. Februar 2016 auf dem Campus Westend in Frankfurt am Main statt: Sie bringt Naturwissenschaftler, Mediziner und Theologen zum Thema Transsexualität ins Gespräch.

International renommierte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus den Neuro-, Bio- und Rechtswissenschaften werden auf dieser internationalen Konferenz mit dem Titel „Transsexualität. Eine gesellschaftliche Herausforderung im Gespräch zwischen Theologie und Neurowissenschaften“ in den Dialog mit hochrangigen Vertreterinnen und Vertretern aus Theologie und Kirche über Geschlechtervielfalt am Paradigma der Transsexualität treten. Mehr als 150 Teilnehmende aus dem In- und Ausland haben sich angemeldet. Zugleich sind ein Workshop-Programm mit sieben Workshops, eine Wanderausstellung der Berliner Landesstelle für Gleichbehandlung – gegen Diskriminierung sowie eine Kunst-Installation der Amsterdamer Photographin Sarah Wong Teil dieses Konferenzprojektes.
 
Am Donnerstag, 4. Februar, startet die Veranstaltung um 13.00 Uhr im Casino-Gebäude. Grußworte sprechen Prof. Enrico Schleiff, Vizepräsident der Goethe-Universität, Dr. Volker Jung, Kirchenpräsident der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, Dr. Henry Hohmann, Präsident von Transgender Network Switzerland sowie Pfr.in Dorothea Zwölfer, Trans-Evidence. Zusätzlich wird Elke Ferner, MdB und Parlamentarische Staatssekretärin im Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, am Freitag, 5. Februar, ein Grußwort sprechen
(10.20 Uhr).
 
Vom 3. Februar bis 7. Februar wird mitten auf dem Campus Westend (auf dem Rondell neben dem Casino-Gebäude) ein Wohnwagen mit einer interessanten Bewohnerin parken, die für die Zeit der Konferenz in diesem Wohnwagen leben wird. Die Bewohnerin heißt Sharon Ferguson, Pastorin der MCC-Kirche im Norden Londons und Co-Präsidentin des European Forum of LGBT Christian Groups mit einer faszinierenden Lebensgeschichte (und körperlichen Behinderung, deshalb der Wohnwagen), die eigens für die Konferenz aus England mit ihrem Gefährt anreisen wird.
 
Wissenschaftlicher Paradigmenwechsel

In den letzten zwanzig Jahren hat die Wissenschaft eine neue Ära in den Bemühungen eingeleitet, transsexuelle Menschen besser zu verstehen. Auf der Grundlage neuester neuro- und biowissenschaftlicher Erkenntnisse wird Transsexualität nunmehr als angeboren betrachtet.
Transsexuelle Menschen besitzen ein tiefes inneres Wissen, zu welchem Geschlecht sie wirklich gehören, unabhängig davon, welches Geschlecht ihnen bei der Geburt zugewiesen wurde und wie zum Beispiel ihre Genitalien ausgeprägt sind. Die Genitalien sind daher in diesem Fall in gewisser Weise geschlechtlich „diskrepant“ zum Gehirn, der Geschlechtskörper ist insgesamt durch Inkongruenz charakterisiert. Das explizite Bedürfnis der Betreffenden nach Angleichung von Körper und Lebensweise an dieses bestimmende „Hirngeschlecht“ wird aus heutiger Sicht als natürlich und intersubjektiv gut nachvollziehbar betrachtet.

Dieser durch die neurobiologische Forschung ausgelöste Paradigmenwechsel ist mit der Entpsychiatrisierung und Entpsychopathologisierung von Transsexualität verbunden. Mit anderen Worten: Transsexualität als biologische Variante ist keine psychische Störung, sondern ein typisches Muster innerhalb der individuellen geschlechtlichen Vielfalt (Joan Roughgarden) „im Grenzgebiet von Genetik, Biologie und Neurowissenschaft beziehungsweise Neuropsychologie mit einer Leiden verursachenden Symptomatik“ (Horst-Jörg Haupt).

Theologie hinkt hinterher

Weitgehend unbeeindruckt von diesem wissenschaftlichen Stand der Dinge zeigen sich bislang Theologie und Kirchen. Die gründliche, insbesondere systematisch- und praktisch-theologische Reflexion von Transsexualität im Interesse eines veränderten Umgangs mit transsexuellen Menschen als Teil nicht nur der Gesellschaft, sondern auch der kirchlichen Gemeinschaft möchte die Konferenz zumindest ansatzweise beheben. Veranstalter ist der Fachbereich Evangelische Theologie/Lehrstuhl für Systematische Theologie und Religionsphilosophie.
 
Die Vorträge der Konferenz werden im Herbst 2016 in einer Publikation erscheinen: „Transsexualität in Theologie und Neurowissenschaften. Ergebnisse, Kontroversen, Perspektiven“, hg. von Gerhard Schreiber, Berlin und Boston. Walter de Gruyter 2016.
 
(Universität Frankfurt am Main/ms)
 

Transsexuelle Menschen haben ein starkes Bedürfnis, ihr körperliches Geschlecht an ihr "Hirngeschlecht" anzugleichen. Grafik: © GiZGRAPHICS - Fotolia.com